Die Chicagoer Punks mischen die Karten neu – und bleiben sich doch treu
Zehn Alben sind ein Meilenstein in der Musikbranche, ein Beweis für Ausdauer. Für die Punkrocker Rise Against aus Chicago führte dieser Meilenstein zu einer neuen Art von Selbstbewusstsein. „Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich überhaupt auf die Anzahl unserer Alben geachtet habe – und zehn erschienen mir eine ganze Menge“, erzählt Sänger und Gitarrist Tim McIlrath gegenüber Apple Music. „Nicht viele meiner Lieblingsbands haben zehn Alben gemacht.“
Aus diesem Anlass beschlossen Rise Against, etwas Neues auszuprobieren. Nachdem sie sechs ihrer letzten acht Alben mit den Produzenten Bill Stevenson und Jason Livermore aufgenommen hatten, holten sie die Grammy-prämierte Produzentin Catherine Marks (St. Vincent, boygenius) für „Ricochet“ ins Boot. „Nach 25 Jahren waren wir in unserer Arbeit und in unserer Klangwelt irgendwie festgefahren“, sagt McIlrath. „Egal, wie sehr wir versuchen, aus diesem Muster auszubrechen: Ein Teil davon bleibt einfach immer in uns. Ich finde, dass das den typischen Rise Against-Sound ausmacht. Deshalb haben wir uns diesmal für eine Produzentin entschieden, die für uns wirklich unkonventionell ist und die mit der Welt von Rise Against größtenteils nicht vertraut ist. Dadurch ist sie nicht an eine bestimmte Vorstellung gebunden, wie wir klingen sollten.“
Textlich konzentrierte sich McIlrath auf das Thema der Verbundenheit. „Seit unserem letzten Album habe ich darüber nachgedacht, wie verzweifelt wir versuchen, uns voneinander zu isolieren – und doch unvermeidlich miteinander verbunden sind“, sagt er. „Wir richten uns in unseren Blasen ein, hören unsere eigenen Nachrichtenkanäle und Streaming-Algorithmen und reagieren auf Dinge, als wären wir nicht verbunden. Dabei merken wir nicht, dass alles, was wir tun, so eng miteinander verknüpft ist. Ich hatte immer wieder dieses Bild von einem Raum vor Augen, in dem alle mit Waffen herumschießen. Du hast vielleicht vor, ein bestimmtes Ziel zu treffen, aber in Wirklichkeit triffst du jemand anderen – oder dich selbst –, weil die Kugeln überall abprallen [im Englischen ‚ricochet‘].“ Im Folgenden erläutert er jeden Song des Albums.
„Nod“
Wenn unsere Songs politisch werden, sind es oft Aufrufe zum Handeln, aber dieser hier war weniger eine Aufforderung als vielmehr die Frage: „Bist du dabei? Machen wir das gemeinsam? Bin ich allein?“ Und ich denke, unsere Konzerte können sich wie solche Kundgebungen anfühlen, bei denen du für einen Moment das Gefühl hast, nicht allein zu sein. Du merkst, dass es direkt neben dir Menschen gibt, die so sind wie du. „Nod“ handelt von diesem Nicken, das wir einander geben, von diesen unausgesprochenen Zeichen, mit denen wir anderen zu verstehen geben: „Hey, ich sehe dich, du siehst mich.“ Als ich in den späten 1980ern und 90ern aufwuchs, hat man jedem anderen Menschen, der wie du selbst ein Skateboard dabeihatte, zugenickt. Oder vielleicht denen, die ein Descendents-T‑Shirt anhatten. Ich denke, wir nicken uns einfach immer zu und signalisieren einander verschiedene Dinge.
„I Want It All“
Wir haben uns einen wirklich simplen Riff einfallen lassen, der sich kraftvoll anfühlte, und wir haben uns dafür entschieden, es nicht zu zerdenken. Ich glaube, Rise Against hat viele Stärken. Aber wenn wir eine Schwäche haben, dann die, dass wir uns manchmal in einem Song verlieren und ihn quasi zu Tode denken. Also haben wir beschlossen, diesen hier einfach rauszuhauen – großer Riff, starke Lyrics, ein Song mit einer klaren Botschaft. Inhaltlich geht es darum, sich nicht mit weniger zufriedenzugeben. Die Punkrock-Welt ist durchdrungen von Punkrock-Schuld, von der Vorstellung, dass man sich für jeden Erfolg schämen sollte. Das ist die Welt, in der wir alle aufgewachsen sind. Also haben wir das umgedreht: Ob musikalisch, politisch oder in deiner Karriere, hab keine Angst davor, alles zu wollen.
„Ricochet“
Eine Zeile im Song lautet: „Don’t turn away as the bullets ricochet.“ („Versteck dich nicht vor Querschlägern.“) Ich hatte ständig dieses Bild vor Augen, wie sich die Welt einfach weiterdreht, während so viele schreckliche Dinge passieren. Da ist das, was wir an einem Freitagabend tun, ob auf einem Rise Against-Konzert, im Club oder sonst wo. Gleichzeitig verhungern Menschen im Sudan. Die Realität ist: Wir können nicht rund um die Uhr emotional engagiert sein, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass wir zu oft wegsehen. Der Song sagt: Vergiss nicht, was in der Welt passiert. Vergiss nicht, dass viele Menschen, die deinen Lebensstil mittragen, selbst nicht so leben können.
„Damage Is Done“
Dieser Song hat Spaß gemacht, weil er auf einem Rise Against-Riff basiert, der etwa 15 Jahre alt ist, vielleicht sogar noch älter. Damit haben wir schon lange herumexperimentiert, sind aber ständig in einer Sackgasse gelandet. Wenn du oft genug in eine Sackgasse geraten bist, ist das für Musiker:innen ein Zeichen, weiterzuziehen. Es gibt viele Songs, die ich aufgegeben und über die ich nie wieder nachgedacht habe. Aber dieser hier hat mich einfach nicht losgelassen, wir haben ihn immer als das Stück bezeichnet, das uns durchgerutscht ist. Diesmal haben wir endlich einen Song daraus gemacht. Für uns ist er also fast wie ein Rückblick, obwohl ihn noch nie jemand gehört hat.
„Us Against The World“
Es geht darum, wie leicht man sich überwältigt fühlen kann von dem, was in der Welt passiert. Und der Song ist eine Erinnerung daran, dass alle, die jemals etwas Bedeutendes in der Gesellschaft verändert haben, sich anfangs allein gefühlt haben. Es ist also vollkommen normal, das Gefühl zu haben, dass man gegen den Rest der Welt steht. Genau in solchen Situationen nehmen viele gute Dinge ihren Anfang. Der Song sagt: „Siehst du nicht, dass es schon immer so war: Wir gegen den Rest der Welt?“ Und vielleicht wird es sich immer so anfühlen, aber das ist okay.
„Black Crown“
Dieser Song entstand zusammen mit Andy Hull von Manchester Orchestra. Ich bin zu ihm in die Gegend von Atlanta geflogen und wir haben einfach gejammt, rumgehangen und diesen Song an einem Nachmittag geschrieben. Nur er und ich in einem Raum voller Akustikgitarren, und wir haben einander etwas vorgesungen. Das hat Spaß gemacht, weil ich das noch nie mit jemandem außerhalb der Band gemacht habe. Deshalb ist der Song wahrscheinlich eine kleine Überraschung in der Rise Against-Welt. Andy hatte einen Artikel über einen Weltuntergangs-Prepper gelesen. Darum geht es in dem Song. Anstatt aktiv zu versuchen, die Welt zu verbessern, wollen diese Leute einfach nur überleben und durchhalten. Aber wenn du eine nukleare Apokalypse in deinem Bunker oder wo auch immer überlebst, wäre die Welt kein Ort, an dem du leben möchtest.
„Sink Like A Stone“
Als ich in der Highschool war, hatte ich einen Ferienjob als Rettungsschwimmer. Jedes Jahr gab es Schulungen zu Wiederbelebung und Erster Hilfe. Eine der Sachen, die sie dir beibringen, ist, zuerst auf dich selbst zu achten, wenn du jemanden vor dem Ertrinken retten musst. Du darfst kein zweites Opfer verursachen. Wenn du versuchst, einen Menschen zu retten, der doppelt so schwer ist wie du, könnte er dich leicht mit nach unten ziehen. Und dann ertrinken zwei Leute. Also musst du unbedingt auch auf dich selbst achten. Wenn du dir selbst nicht helfen kannst, kannst du auch niemand anderem helfen.
„Forty Days“
Hier geht es um Beharrlichkeit, Geduld und Hingabe – die bedingungslose Verbundenheit mit etwas oder jemandem. Ich werde hier warten, egal was kommt. Egal, wie hoch das Wasser steigt, nichts und niemand wird mich von hier wegbringen. Ich bleibe genau hier. Es ist ein Versprechen und die Treue zu einer Idee oder einem Menschen. Was die Zahl angeht: Das ist eine Anspielung auf die alte „40 Tage und 40 Nächte“-Geschichte wie bei Moses in der Wüste. Ich war bis zur achten Klasse auf einer katholischen Schule, da steckt einfach zu viel Bibelwissen in mir, egal was ich tue.
„State Of Emergency“
Ich habe das Gefühl, dass Nachrichten und Medien heute so sehr auf Profit ausgerichtet sind, dass sie uns nur noch durch ständigen Alarmismus bei der Stange halten. Es gibt immer irgendwelche Eilmeldungen, immer passiert gerade jetzt etwas vermeintlich Ultradringendes, das uns die volle Panik abverlangt. Natürlich gibt es echte Krisen auf diesem Planeten, über die wir wirklich in Panik geraten sollten, aber die Top-Meldung des Tages ist oft etwas, an das wir morgen nicht mal mehr denken werden. Das erzeugt viel Angst bei den Menschen, und das ist die Welt, in der unsere Kinder aufwachsen.
„Gold Long Gone“
Dieser Song greift einige Ideen hinter unserem letzten Album „Nowhere Generation“ auf. In einer Zeile heißt es: „Tell me what the hell is going on/We’re digging in the mines for gold long gone.“ („Sag mir, was zum Teufel los ist / Wir graben in den Minen nach längst verschwundenem Gold.“) Ich habe dieses Bild von Menschen im Kopf, die zu spät zum Goldrausch kamen: Sie hämmern vergebens am Felsen, während alle wissen, dass da gar nichts mehr ist. Und diese Leute haben ihr ganzes Leben umgekrempelt, nur um weiter und weiter zu graben, in der Hoffnung auf Gold. Es geht um den American Dream und die Frage, ob es ihn überhaupt noch gibt. Dass harte Arbeit sich lohnt, stimmt immer seltener. Der Song stellt infrage, wofür es sich noch zu arbeiten lohnt.
„Soldier“
„Soldier“ handelt vom blinden Gehorsam gegenüber einer Idee und wie gefährlich das sein kann. Und davon, was passiert, wenn man sich davon löst, besonders wenn es so etwas wie ein Glaubenssatz war. Es ist die Vorstellung von einer Person, die die Uniform auszieht, die Abzeichen abreißt und sagt: „Diesen Kampf werde ich nicht mehr kämpfen.“ Es geht um kritisches Denken und darum, sicherzustellen, dass man die Dinge aus den richtigen Gründen tut. Man sollte die Ziele, für die man kämpft, immer hinterfragen. Es ist in Ordnung, sich als Mensch weiterzuentwickeln und sich von alten Überzeugungen zu lösen. Der Song ist so etwas wie ein Aufruf zum Ungehorsam.
„Prizefighter“
Wenn du beschließt, mit einer Band Songs zu schreiben und ein Publikum zu finden, wirst du in eine andere Welt geworfen. Darum geht es hier. Es könnte jede Art von Kunst sein: Schreiben, Schauspielerei, alles, wo man auf ein Publikum angewiesen ist. Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht, als ich mit meinen Freunden im Keller eine Gitarre in die Hand genommen habe und wir anfingen, Songs zu spielen. Wir waren nicht so verblendet, zu glauben, dass wir zehn Alben später immer noch dabei sein würden. Aber niemand bereitet dich wirklich auf all diese zusätzliche Dynamik zwischen dir und deinem Publikum vor. Wir haben ein tolles Publikum. Ich habe niemals Rise Against-Fans getroffen, die ich nicht mag. Aber wir sind immer noch wir selbst, unsere eigene Band. Wir entscheiden, was wir tun, wie wir klingen, mit wem wir spielen und wo wir spielen. Wir sind niemandem etwas schuldig. Ein:e Preisboxer:in kämpft für sich selbst.