InfoBedingungenDatenschutzKontakt
 
Wird aktualisiert
Gebrochene Bindungen

Gebrochene Bindungen

Veröffentlicht: 2025-02-17
© Kyriakh Kampouridoy
Gebrochene Bindungen - QR Code
1,7 MB
Laden auf Apple Books
1,7 MB
Laden auf Apple Books
Veröffentlicht: 2025-02-17
© Kyriakh Kampouridoy

Beschreibung

Gebrochene Bindungen
Festival der Leinen
Die Stadt Lyricara pulsierte vor Leben, als das Festival der Fesseln seinen Höhepunkt erreichte. Über den Kopfsteinpflasterstraßen schimmerten unzählige leuchtende Fäden in der Luft und webten einen komplizierten, sich ständig verändernden Wandteppich. Die Fäden waren greifbare Darstellungen von Verbindungen, die sich zwischen Liebenden, Freunden und Familien erstreckten, und ihre Farben veränderten sich mit den Emotionen, die sie transportierten. Liora wanderte durch die Menge, ihre empathischen Sinne waren auf das wirbelnde Chaos aus Freude, Nostalgie und bittersüßen Abschieden eingestellt.
„Liora, beeil dich!“, ertönte Nylas Stimme von vorn. Ihre Freundin winkte enthusiastisch, ihr purpurfarbener Faden glühte vor warmer Zuneigung. „Du wirst den Laternenstart verpassen!“
Liora lächelte und beschleunigte ihre Schritte. Der Höhepunkt des Festes war der Laternenstart, ein Moment, in dem die Bürger kleine, mit Fäden beladene Laternen in den Himmel steigen ließen und ihre Gefühle in zarten Gefäßen in die Höhe trugen. Der Anblick berührte sie jedes Mal wieder und war eine ergreifende Erinnerung an die Schönheit und Zerbrechlichkeit menschlicher Bindungen.
Als sie Nyla erreichte, fiel Lioras Blick auf die goldenen Fäden, die gelegentlich inmitten des Farbenrauschs auftauchten. Diese Fäden waren selten und für die tiefsten, heiligsten Verbindungen reserviert. Ihr Herz schmerzte leicht, als sie sich an ihren eigenen goldenen Faden erinnerte, der vor Jahren durchtrennt worden war, als ihre Eltern unter mysteriösen Umständen verschwunden waren. Er war an den Rändern stumpf und ausgefranst, eine allgegenwärtige Erinnerung an den Verlust.
„Da bist du ja“, sagte Nyla und hakte sich bei Liora ein. „Lass uns einen guten Platz finden.“
Sie drängten sich durch die Menge, von Gelächter und Geschnatter umhüllt. Liora spürte, wie die Fäden ihre Haut streiften wie Flüstern, jeder einzelne eine Geschichte, die sie spüren, aber nicht ganz verstehen konnte. Doch etwas zupfte an ihren Sinnen – eine Dissonanz in der lebendigen Harmonie. Sie hielt abrupt inne, ihr Atem stockte.
„Was ist los?“, fragte Nyla und in ihren Augen flackerte Sorge auf.
„Ich … ich bin mir nicht sicher.“ Liora drehte sich um und ließ ihren Blick über die Menge schweifen. Inmitten des Kaleidoskops aus Farben stach ein einzelner Faden hervor. Er war golden, aber anders als die anderen hing er lose in der Luft, seine Enden waren ausgefranst und schimmerten schwach, als würde er um seine Existenz kämpfen.
Sie trat näher, ihr Herz klopfte wie wild. Der goldene Faden schwebte knapp außerhalb ihrer Reichweite, scheinbar ungebunden an irgendjemanden in der Menge. Das hätte nicht möglich sein dürfen; jeder Faden stellte eine Verbindung dar, und ohne einen Anker hätte er ins Nichts verschwinden müssen. Doch hier war er und widersetzte sich dem Gewebe ihrer Welt.
„Siehst du das?“, flüsterte Liora.
Nyla folgte ihrem Blick und runzelte die Stirn. „Was sehen?“
Lioras Puls beschleunigte sich. „Der Faden. Er ist … er ist genau da.“
„Liora“, sagte Nyla sanft, „da ist nichts.“
Panik stieg in Lioras Brust auf. Sie streckte instinktiv die Hand aus und ihre Finger berührten den Faden. Ein Energiestoß durchfuhr sie und für einen kurzen Moment verdunkelte sich die Welt um sie herum. Die Geräusche des Festivals verklangen und wurden durch ein leises Summen ersetzt, das in ihren Knochen widerhallte. Bilder flackerten durch ihren Kopf – ein stürmischer Himmel, ein zerbrochener Webstuhl und eine schattenhafte Gestalt mit leuchtenden Augen.
Sie stolperte zurück und schnappte nach Luft. Nyla packte sie am Arm und ihr Gesichtsausdruck wurde alarmiert. „Liora, geht es dir gut? Du bist so blass wie ein Geist!“
Liora nickte zitternd, doch ihr Blick blieb auf den goldenen Faden gerichtet. Er pulsierte schwach, als würde er ihre Berührung erwidern, bevor er ganz verschwand. „Es war echt“, murmelte sie. „Ich habe es gespürt.“
Nyla runzelte die Stirn, drängte aber nicht weiter. Stattdessen verstärkte sie ihren Griff um Lioras Arm. „Komm, lass uns ein bisschen hinsetzen. Du siehst aus, als müsstest du Luft holen.“
Sie fanden eine ruhige Ecke am Rande des Platzes, abseits des Festes. Lioras Gedanken wirbelten im Chaos. Der goldene Faden – so selten, so heilig – war nur ihr erschienen. Und die Bilder, die sie gesehen hatte … sie fühlten sich eher wie Erinnerungen als wie Visionen an. Aber wessen Erinnerungen?
„Was ist da hinten passiert?“, fragte Nyla und brach das Schweigen. „Hast du wirklich etwas gesehen?“
Liora zögerte. Nyla war ihre beste Freundin, aber selbst sie würde es wohl kaum verstehen. „Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Da war ein Faden, ein goldener. Er war mit niemandem verbunden, aber als ich ihn berührte, sah ich … Dinge. Fragmente. Es fühlte sich wichtig an.“
Nyla runzelte die Stirn. „Inwiefern wichtig?“
„Als wäre es für mich bestimmt“, gab Liora zu. „Als würde es mir etwas sagen wollen.“
Bevor Nyla antworten konnte, ertönte ein tiefes Glockenspiel, das den Beginn des Laternenstarts signalisierte. Die Menge brach in Jubel aus, als Hunderte von Laternen, leuchtende Fäden in allen Farben, in den Nachthimmel aufstiegen. Liora sah schweigend zu, ihre Gedanken immer noch auf den goldenen Faden fixiert. Was bedeutete er? Und warum war er ihr erschienen?

Apple Books: Kundenbewertungen

Bewertungen & Rezensionen

0,0 von 5 (Keine Bewertung)

Apple Books: Kundenrezensionen

Kein Eintrag