Schatten durchziehen die Welt des Michael Clayton. Selbst bei Tageslicht bleiben seine Augen verschattet – ein übermüdeter, aus dunklem Abgrund blickender New Yorker Rechtsanwalt; ehemals spielsüchtig, gescheitert mit einem Immobilienprojekt, unverzichtbarer Teil einer Top-Kanzlei, für die er diskret und genial die Drecksarbeit erledigt.
Sein aktueller Auftrag lautet: Den Freund und Ausnahmeanwalt Arthur Eden wieder funktionsfähig machen, nachdem dieser über einen sechs Jahre währenden Prozess an der Seite eines agrochemischen Konzerns scheinbar den Verstand verloren hat. Eden hatte sich bei einer Anhörung nackt ausgezogen und dabei auch der sachlich-nüchternen Fachsprache entledigt zugunsten einer metaphernreichen Rede, in deren Gewand er einen Seitenwechsel vollzieht, hin zu den Klägern.
Bei der Sammelklage von Landwirten geht es um drei Milliarden Dollar Schadenersatz, weil der Konzern U/North ihnen ein potentiell tödliches Herbizid verkauft haben soll. Vertreten wird der Multi von Karen Crowder, die ihrem Arbeitgeber die blütenreine Weste um jeden Preis erhalten will.
Crowder ist in diesem Spielfilm mit Anklängen an den „Film noir“ eine interessante Variante der genretypischen femme fatale. Sie ist eher eine femme brutale, eine nach außen durch den Panzer des Business-Looks geschützte Karrierefrau ohne Skrupel. Doch in den Momenten, in denen sie allein mit sich ist oder an der Seite des Vorstandsvorsitzenden, der in Aussehen und Verhalten einem Mafioso ähnelt (und auch noch „Don“ heißt), wird aus der starken Frau eine von Unsicherheit und Überforderung gequälte. Eine aparte Frau, die vor lauter Anpassung an den aus Männern bestehenden Vorstand ihre Schönheit verfehlt.
Clayton und Crowder – kein Gegenüber von Gut und Böse, sondern eher zwei Seiten einer Medaille, die erst Überleben im Beruf und später existentieller Lebenskampf heißt. Und das stets mit gut gebügelter Kleidung.
Den Gegenentwurf zu Claytons und Crowders aus funktionellen Räumen und Geschäftsbeziehungen bestehender Welt liefert Regisseur Tony Gilroy mit Claytons Familie, der er längst entfremdet ist. Sein Sohn konfrontiert ihn darüber hinaus mit einer weiteren Welt, der des Fantasy-Romans. Sie ist letztlich der Schlüssel, der buchstäblich Claytons Überleben möglich macht. Diese Welt hat in der realen Welt neben dem Sohn noch einen weiteren Anhänger: den vermeintlichen Psychopathen Arthur Eden. Beide sind für den kurzen Moment eines Telefonsgesprächs miteinander verbunden, wodurch die schicksalshafte Kraft der Fantasy-Welt sich erst entfalten kann. Denn nur dank des Romans findet Clayton den entscheidenden Hinweis, der die kriminellen Machenschaften von U/North aufdeckt, und überlebt schließlich eine Autobombe, weil eine Landschaftsszenerie ihn an eine Zeichnung aus diesem Buch erinnert.
Genau diese Szene und Claytons darauffolgende Flucht durch den Wald sind bezeichnenderweise die surrealsten Momente des gesamten Films. Als hätte Clayton die Autotür nicht nur geöffnet, um hinaus in die Natur zu gehen, sondern um für einen lebenswichtigen Augenblick die Fantasy-Welt zu betreten. Noch am Tag zuvor drückte sich Claytons Zwiespalt symbolhaft in den beiden Papieren aus, die er in den Händen hielt: Der Geldumschlag von seinem Chef, der die Schuldenfreiheit seines alkoholkranken Bruders ermöglicht und ihn an die Firma binden soll, und das Geheimdossier, das U/North der tödlichen Lüge überführt und dessen Veröffentlichung auch der Kanzlei großen Schaden zufügen würde.
Durch das Heraustreten aus seiner Welt in die seines Sohnes und Freundes Arthur Eden kann Michael Claton weiterleben und die moralisch richtigen Weichen stellen: U/North bezwingen und damit den Mord an Eden rächen, die Anwaltskanzlei, der die wohlhabenden Klienten wichtiger sind als ihre Mitarbeiter, bloßstellen, sich mit seinen Brüdern aussöhnen.