Zur Folge „Rüstung ist das neue Corona“
Sehr geehrter Herr Augstein,
grundsätzlich habe ich keine Probleme mit anderen Meinungen - gute Diskussionen leben vom Austausch verschiedener Standpunkte.
Allerdings haben Sie bei der Folge „Rüstung ist das neue Corona“ eine Aussage getätigt, die meiner Ansicht nach aufgrund ihrer Missverständlichkeit der Klärung bedarf:
Ab ca. Minute 36:24 sprechen Sie davon, dass man die Sanktionen gegen Russland zurückfahren und den Menschen das „alte kapitalistische Versprechen“ machen sollte, dass es ihnen morgen besser geht, um ihre innere Abrüstung voranzutreiben. Schon hier ist der Zusammenhang zwischen beiden Aspekten unklar und müsste von ihnen in Zukunft besser herausgestellt werden, sofern er überhaupt existiert.
Gravierender ist meines Erachtens allerdings die Tatsache, dass sie ab Minute 36:40 einen weiteren Zusammenhang zwischen zwei Dingen implizieren, die rein faktisch nicht zusammengehören. Es geht um ihre Aussage, wonach den Menschen in Russland einerseits das soeben erwähnte „kapitalistische Versprechen“ gemacht wurde (von wem lassen Sie offen, aber gemeint ist vermutlich der Westen). Andererseits sei die NATO Russland gleichzeitig immer weiter „auf die Pelle“ gerückt. Auch hier ist der Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen Aspekt unklar.
Die Behauptung, dass Russlands Wirtschaftswachstum vor den Sanktionen wegen des Ukrainekrieges ausschließlich oder hauptsächlich vom Westen negativ beeinflusst wurde, ist nicht korrekt oder stark vereinfacht. Vor dem Krieg in der Ukraine 2014 war die russische Wirtschaft bereits mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert. Zwar gab es in den Jahren nach der globalen Finanzkrise 2008 ein moderates Wachstum, aber die Wirtschaft litt unter strukturellen Problemen wie einer übermäßigen Abhängigkeit von Öl und Gas, Korruption, niedrigen Investitionsraten und einer schlechten Geschäftsumgebung. Diese Faktoren trugen dazu bei, dass das Wirtschaftswachstum vor dem Krieg mit der Ukraine im Vergleich zu anderen großen Volkswirtschaften relativ langsam war.
Es lässt sich also nicht sagen, dass der Westen alleine für das wirtschaftliche Wachstum Russlands verantwortlich ist oder dass er allein „schuld“ ist.
Um auf den Punkt zu kommen: Wenn Sie die Entscheidung treffen, solche Zusammenhänge aufzustellen, müssen diese logisch begründet sein. Andernfalls ist dies journalistisch unsauber gearbeitet. Außerdem könnte der Eindruck entstehen, dass sie bewusst oder unbewusst russlandfreundliche Narrative übernehmen, um ihr eigenes Weltbild zu bestätigen (diesen Vorwurf möchte ich Ihnen ausdrücklich (!) nicht machen, aber andere Menschen könnten diesen Verdacht schöpfen).
Da ich bisher sehr gerne diesen Podcast gehört habe, würde ich mich über eine Antwort freuen.
P.S. Wenn Loreen nicht gehen möchte, müssen wir und Sie uns wohl damit arrangieren.